Ungarns hässliche Freunde

Rechtsradikale hetzen gegen Roma, Juden oder Intellektuelle – und fahren bei den Wahlen Rekordergebnisse ein: Ungarn, das aktuell die EU-Ratspräsidentschaft innehat, verprellt Nachbarn und Partner mit seinem neuen Chauvinismus. Beifall kommt aus Deutschland – von den Rechtsextremen.

Junge Männer in Uniformen, zum Teil in Originalstücken aus dem Zweiten Weltkrieg, stapfen durch den Wald. Vereinzelt sieht man historisches Koppelzeug oder die charakteristische Form deutscher Stahlhelme. Die Dämmerung verleiht der Szene zusätzlich gespenstisches Flair.

Die Bilder wirken im heutigen Europa deplatziert. Was hier in Ungarn jedes Jahr stattfindet, ist ein besonderes Reenactment: Neonazis aus ganz Europa sind wie auch in den Jahren davor im Umland von Budapest angetreten. Mit einem aufreibenden Nachtmarsch über 60 Kilometer wollen sie des letzten Ausbruchs deutscher und ungarischer Verbände aus dem eingekesselten Budapest im Februar 1945 gedenken. Statt sich zu ergeben, warfen sich diese noch in den letzten Kriegstagen auf Befehl des SS-Generals Karl Pfeffer-Wildenbruch in eine längst verlorene Schlacht, die Tausende das Leben kostete.

Das Desaster war ein weiteres Beispiel dafür, wie die fanatische Überzeugung der Soldaten des „Dritten Reichs“ den Krieg verlängerte und gerade in der Schlussphase die Opferzahlen mehrte. Für die Nachtwanderer sind die „Rückkämpfer“, wie es im Soldatenjargon hieß, aber gerade deswegen Helden.

Auch wegen solcher fragwürdigen Veranstaltungen hat Ungarn derzeit eine schlechte Presse, aber in der Zeitschrift „Der Freiwillige“ sieht das anders aus. Das Blatt wurde von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS als Vereinsorgan ihrer Organisation HIAG gegründet. Bis heute hat sie sich der Verklärung der Waffen-SS verschrieben und reicht die Begeisterung an die Enkel- und Urenkel weiter. Wenn der Nachwuchs jährlich den nächtlichen Gewaltmarsch auf den Spuren seiner faschistischen Vorväter zelebriert, berichtet „Der Freiwillige“ begeistert.

Vor allem aber erfreut der Umstand Alt- wie Jungnazis, dass Ungarns offizielle Politik derlei Traditionspflege auch für sich entdeckt hat.

Auf dem Weg in die Vergangenheit

Wie in vielen ehemaligen Ostblockstaaten hat auch in Ungarn die Abrechnung mit der realsozialistischen Ära zu einer fatalen Renaissance ultranationalistischer Strömungen geführt. Die neue Verfassung des Landes enthält ein „nationales Glaubensbekenntnis“, seiner Rechtsregierung wird vorgeworfen, mit einem neuen Mediengesetz die Pressefreiheit zu beschneiden. Im Land agieren offen paramilitärische Verbände, hetzen Rechtsradikale gegen Roma, Juden und Intellektuelle. Immer wieder kommt es zu organisierten Übergriffen. Doch gibt es hierzulande auch Freunde dieses „Neuen Ungarn“, das seine europäischen Nachbarn gerade derart verprellt: die deutsche Rechte.

Als die Rechtsradikalen von Jobbik bei den ungarischen Parlamentswahlen im April 2010 fast 17 Prozent der Stimmen holten und das ohnehin schon siegreiche nationalkonservative Lager von Viktor Orbáns Fidesz-Partei verstärkten, gratulierte NPD-Parteichef Udo Voigt den „lieben ungarischen Kameraden“. Zuvor war Budapest bereits Schauplatz des jüngsten Versuchs einer länderübergreifenden Koordination nationalistischer Kräfte: 2009 gründete sich dort die „Allianz der Europäischen Nationalen Bewegungen“, an der Jobbik federführend beteiligt war.

Heute reicht das Spektrum erklärter Bewunderer des harten Rechtskurses der Donau-Republik vom eher bieder-nationalistischen Wochenblatt „Junge Freiheit“ bis zu Neonazis. So wähnt die „Stimme des Reiches“, eine Postille aus dem Milieu der Holocaust-Leugner, Ungarns Ministerpräsidenten Orbán siegreich im Kampf gegen die „jüdische Lobby“ und verkündete, sein Pressegesetz habe „zionistische Hetzmedien gestoppt“. Das Krawallblatt „Zuerst“, mit dem der rechtsextreme Munier-Verlag in einer weiteren Schmuddelecke des Zeitschriftenmarkts Fuß fassen will, machte das Lob der Nationalisten an der Donau gleich zum Titelthema.

Ein Deutscher als Fürsprecher des rigiden Rechtskurses

Als ein Vermittler dieses neuen deutsch-ungarischen Dialogs fungiert Jan Mainka, Herausgeber der deutschsprachigen „Budapester Zeitung“. Sein Blatt bedient einerseits die beträchtliche Zahl deutscher Investoren in Ungarn, andererseits agiert der Journalist gegenüber dem deutschsprachigen Ausland als Fürsprecher des rigiden Rechtskurses.

Das ist nicht immer einfach, denn Orbáns nationale Politik beinhaltet auch wirtschaftsprotektionistische Elemente. Mit seiner proungarischen Linie ist Mainka das Bindeglied zwischen bürgerlichem und einschlägig rechtem Milieu. Er verteidigte Ungarns neues Mediengesetz gegenüber der „FAZ“ mit der für einen Zeitungsmann bemerkenswerten Haltung, die Pressefreiheit sei „kein Selbstzweck“, schreibt aber auch selbst für die „Junge Freiheit“ und dient „Zuerst“ als Kronzeuge dafür, dass Ungarns Politik auf dem rechten Weg sei. Mainka hat viel zu tun, denn das zivilgesellschaftliche Europa ist wenig begeistert davon, dass sich die Uhren in Ungarn immer schneller rückwärts drehen.

Dieser Trend macht auch vor der Verklärung faschistischer Vorkriegsbewegungen und Nazi-Kollaborateure nicht halt, deren Kampf gegen die Sowjetunion jetzt als Ausweis ihrer Redlichkeit dienen soll. Vor allem in geschichtspolitischen Fragen sind die Grenzen zwischen der Fidesz-Regierung und den Neofaschisten fließend.

Zu den jährlichen offiziellen Feierlichkeiten am 11. Februar zu Ehren der 1945 beim letzten Ausbruchsversuch aus Budapest gefallenen deutschen und ungarischen Soldaten geben sich Neonazis aus ganz Europa ihr Stelldichein. Sie begehen den „Tag der Ehre“, gemeinsam mit greisen Kriegsveteranen in Wehrmachtshelmen und offiziellen Vertretern der ungarischen Politik.

In ihren Internetforen schwärmen deutsche Gäste begeistert von der gemeinsamen „Verteidigung der Interessen unserer Rasse und der Zusammenarbeit der nationalen Kräfte“. Zu dieser Gelegenheit findet auch der nächtliche „Gedenkmarsch“ statt.

Völkischer Nationalismus als Staatsdoktrin

Neben solch martialischer Erlebnispädagogik dürfte vor allem die Wiederbelebung magyarischer Nationalmythen der Grund für den Beifall sein, den Budapest aus den Kreisen deutscher Rechter erhält. Im kulturell wenig homogenen Südosten Europas ist diese archaisch anmutende „Volksgruppenpolitik“ ebenso identitätsstiftend wie konfliktträchtig. Kritiker der ungarischen Politik, wie die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky, sehen in der amtlich geförderten Verklärung der Heimat deutliche Züge eines völkisch geprägten Nationalismus. Denn die „neue offensive Geschichtspolitik“ orientiert sich nicht am Staatsterritorium, sondern am „Volkstum“ – und das ist nach nationalistischer Lesart weit über die Grenzen des heutigen Ungarn verstreut.

Als Ungarn zu Beginn seiner EU-Ratspräsidentschaft in diesem Januar im Brüsseler Ratsgebäude einen Teppich präsentierte, der das Land in den Grenzen des alten Königreichs zeigte, nahmen einige Nachbarn diesen weniger als Zeugnis magyarischen Kunsthandwerks denn als Provokation.

Auch der Plan, den Angehörigen der in den Nachbarländern lebenden ungarischen Minderheiten die ungarische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wird als versteckter Revisionsversuch der Grenzziehung gesehen. Es wächst die Sorge, dass die verkündete „nationale Wiedergeburt“ Ungarns zu einer Bedrohung der Anrainerstaaten wird.

Historische Gebietsansprüche

Im Zentrum der Propaganda stehen noch immer die Gebietsverluste, die Ungarn infolge seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg verzeichnen musste. Die Revision des Vertrags von Trianon, durch den das Land 1920 zwei Drittel seines Territoriums verloren hatte, war bereits treibendes Motiv unter Ungarns „starkem Mann“, dem im gleichen Jahr eingesetzten Reichsverweser Miklós Horthy.

Das Verlangen, die Resultate des Ersten Weltkriegs rückgängig zu machen, bestimmte später auch das Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland – und verbindet die rechten Lager beider Länder bis heute: „Trianon war für Ungarn, was Versailles für Deutschland war“, signalisiert etwa „Zuerst“ seine Zustimmung. Solche Revisionswünsche klingen absurd, lassen sich aber noch immer politisch ausmünzen: Im Umfeld der „Jungen Freiheit“ demonstrierte man 2009 noch selbst gegen den Versailler Vertrag.

Dabei war die deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft historisch vor allem ein weiterer Meilenstein des ungarischen Niedergangs. Ungarn profitierte zwar zunächst territorial von der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen 1938. Beim Überfall auf die Sowjetunion war es ein enger Verbündeter der Deutschen. Die enge wirtschaftliche und militärische Kooperation Ungarns mit dem Nazi-Reich, die zudem von einer eigenen faschistischen Bewegung getragen wurde, machte Ungarn jedoch faktisch zu einem deutschen Satellitenstaat.

Koordiniert von Adolf Eichmann und in enger Zusammenarbeit mit den faschistischen Milizen wurde der Großteil der ungarischen Juden noch 1944, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der Historiker Raul Hilberg urteilt in seinem Standardwerk zur „Vernichtung der europäischen Juden“: „Ungarn war das einzige Land, in dem die Täter bereits zu Beginn ihrer Tat wussten, dass der Krieg verloren war.“ Entsprechend dieser Komplizenschaft zog der Untergang des Nazi-Reichs auch das neue Großungarn mit in den Abgrund, seine Grenzerweiterungen hatten über 1945 keinen Bestand.

Konsequent falsche Bündnisse

Von einer Opferrolle Ungarns kann vor dem Hintergrund allerdings keine Rede sein, auch wenn die nationale Geschichtsdeutung sich heute darin gefällt, die Magyaren zu Märtyrern der Geschichte zu machen, wie Kulturwissenschaftlerin Marsovszky erläutert. Mit dieser Opferhaltung sind sie ihren deutschen Kameraden sehr ähnlich. So ist es auch nicht erstaunlich, dass Ungarns Rechte kein Thema auslassen, mit dem sie Aufsehen erregen können. Neben der Hetze gegen die Roma-Minderheit im eigenen Land gehört auch das Lamento über die angebliche „zionistische Weltverschwörung“ zu ihrem festen Repertoire.

Diesem eingebildeten Gegner wird die Schuld für die desolate wirtschaftliche Situation Ungarns zugeschoben. Krisztina Morvai etwa, die bei der Europawahl 2009 für Jobbik antrat, zeigte sich mit Palästinenserschal, um ihre Unterstützung für die Feinde Israels zu präsentieren. Jobbik gefiel sich darin, am 11. September 2010 einen Tag der „magyarisch-arabischen Freundschaft“ zu begehen.

Durch die katastrophale Politik Ungarns, die Tatenlosigkeit, wenn nicht gar Förderung der neofaschistischen Bewegungen, treiben jetzt am rechten Narrensaum die Träume von einer deutsch-magyarischen Allianz erneut Blüten. Seine Nähe zu diesen deutschen Freuden könnten das Land einmal mehr ruinieren.





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