Ungarn: „Kultur des Faschismus“

Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über den völkischen Ungeist in Ungarn

Die ungarische Regierungskoalition von Fidesz und KDNP verabschiedete jüngst eine neue Verfassung, die sie aufgrund ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit durchs Parlament bringen konnte. Die Regierung um Ministerpräsident Viktor Orban will das Land mit diesem „Nationalen Glaubensbekenntnis“ auf ein „neues Fundament“ stellen. Es ist da viel von „Magyarentum“, „Nation“, „Gott“, „Familie“ und der „Ehre der Arbeit“ die Rede. Besteht aus demokratischer Sicht Grund zur Sorge? Sind innerhalb dieses Verfassungswerkes undemokratische, völkische, oder ins Rechtsextreme abdriftende Passagen zu finden?

Magdalena Marsovszky: Es besteht auf jeden Fall Anlass zur Sorge. Diese Verfassung wurde am Ostermontag feierlich vom Staatspräsidenten unterschrieben. Der Festakt wurde überall in den Medien übertragen. Es besteht deswegen Anlass zur Sorge, weil diese Verfassung in der Tat ein „nationales Glaubensbekenntnis“ ist. Man sagt vielfach, dass diese Verfassung einen Rückgriff auf die christliche Tradition, einen Rückgriff auf eine teilweise monarchistische Tradition darstellt. Aber ich widerspreche diesen Annahmen und behaupte, dass das ein Rückgriff auf die völkische Tradition des Landes ist. Das heißt, dies ist ein Rückgriff auf das 19. Jahrhundert, da am Ende des 19. Jahrhunderts diese völkische Tradition nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ungarn sehr lebendig geworden ist. Damit ging die Zunahme des Rassismus und Antisemitismus in Ungarn einher, genauso wie in Deutschland. Die völkischen Bewegungen in beiden Ländern verliefen parallel.

An diese Zeit wird nun angeknüpft, wobei ich nicht von den Ungarn spreche, weil dies ein republikanischer Begriff ist, sondern vom Magyarentum. Das heißt, hier wird im ethnischen Sinne das Volk als „Volkstum“ verstanden, als ein homogenes magyarisches Volkstum, das nicht nur eine kulturelle Zusammengehörigkeit aufweist, sondern auch eine blutmäßige Abstammungsgemeinschaft bilden soll. Das kann man aus der Kommunikation der Fidesz Bürgerlichen Union, und seines
Koalitionspartners, der Christlich Demokratischen Volkspartei (KDNP), ableiten.

Die Präambel der neuen Verfassung ist beispielsweise deswegen so problematisch, weil dort das Wort Republik gestrichen wurde. Es ist dort nicht mehr von der Republik Ungarn, sondern nur noch von Ungarn die Rede. In der Präambel kommt das Wort Republik kein einziges Mal vor, und auch im gesamten Verfassungstext nur ein einziges Mal als Bezeichnung der Staatsform. Zudem wird dieses nationale Glaubensbekenntnis mit der ersten Zeile der ungarischen Nationalhymne eingeleitet, in der es wortwörtlich heißt: „Gott segne den Magyaren.“ Das ist alles in Allem ein ganz deutlicher Rückgriff auf die völkische Tradition.

Die Nation wird als etwas Sakrales angesehen

Die Minderheiten in Ungarn – etwa die Roma – finden in der Präambel
keine Erwähnung?

Magdalena Marsovszky: Auf keinen Fall. Die Integration von Minderheiten wird einfach als gegeben unterstellt, in der öffentlichen Kommunikation heißt es dann seitens der Regierung immer, es sei so natürlich und selbstverständlich, dass man die Minderheiten unterstütze, dass diese in der Verfassung nicht vorkommen müssten. In dieser Frage findet ein permanentes Ausweichen und Herauswinden der Regierung, wie auch der Kommission statt, die die Verfassung ausgearbeitet hat. Minderheiten werden nicht erwähnt, genauso wie Minderheitenrechte.

Ich bin gerade dabei, den Punkten nachzugehen, die im Verfassungstext als problematisch gelten. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass es 60 solcher sehr problematischer Passagen gibt, die den europäischen Werten widersprechen. Manche Wissenschaftler sagen wiederum, es gibt 200 solcher Punkte, die mit der europäischen Tradition nicht vereinbar sind.
Auf jeden Fall trifft es zu, dass in der Verfassung verankert wurde, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau anerkannt wird.
Gleichgeschlechtliche Ehen werden nicht anerkannt. Problematisch ist auch, dass die lebenslangen Haftstrafen, statt nach 25 Jahren zu enden, in echte lebenslange Haftstrafen umgewandelt werden.

Es ist aber vor allem diese völkische Tradition, die ich als sehr problematisch ansehe. Unter Berücksichtigung der gesamten öffentlichen Kommunikation – insbesondere in den so genannten national gesinnten Medien – kommt der völkische Charakter dieser Verfassung klar zum Vorschein. Diese Verfassung tendiert sehr deutlich in Richtung eines völkischen Staates, in eine Richtung, in der die Kultur des Faschismus immer mehr dominiert.

Den Begriff definiere ich nach dem Faschismusforscher Roger Griffin als Kultur des Faschismus in Reinform. Das ist ein „revolutionärer Nationalismus“, in der ständig von der „Erneuerung und Wiedergeburt der Nation“ gesprochen wird, in der eine gesunde, organisch gewachsene Gemeinschaft entstehen soll, die nicht nur von der Kultur, sondern auch von der gemeinsamen, blutsmäßigen Abstammung zusammengehalten wird.

Wichtig ist auch, dass die Nation als etwas Sakrales angesehen wird, daher auch die erste Zeile der Präambel: „Nationales
Glaubensbekenntnis“. Das politische Leben ist übrigens äußerst stark durch Symbole durchdrungen, das so genannte symbolische Politisieren ist äußerst verbreitet. In diesen organischen Nationalismus passen natürlich keine Personen oder Gruppen, die mit physischer oder moralischer Dekadenz, oder aber mit „Entartung“ assoziiert werden. Das sind eben z.B. die Roma aber auch die Armen und Obdachlosen und ebenso die als „fremdbestimmt“ angesehenen Sozialisten und Liberale. Diese werden immer antisemitisch angegriffen.

Können Sie die Grundzüge der Ideologie der Fidesz darlegen? Was ist das
Spezifische an der ungarischen Rechten, wo liegen die Gemeinsamkeiten
mit anderen europäischen Rechtsgruppierungen?

Magdalena Marsovszky: So wie ich das sehe, liegen all diesen Strömungen völkische Ideologien zugrunde. Das bedeutet in Deutschland ein Besinnen auf das Germanentum oder auf ein homogenes Volkstum der Deutschen, wenn man sagt: „Deutschland den Deutschen“, in Ungarn auf das Magyarentum, wenn dort z.B. gesagt wird, wir wehren uns gegen alles, was fremd ist. Man sucht nach dem Urvolk der Magyaren oder nach der Urreligion, und man besinnt sich auf die Reinheit der Sprache. Das sind die Ziele dieser Parteien.

Seit über zehn Jahren verfolge ich die Kommunikation dieser ungarischen Rechtsparteien, und Fidesz folgt immer mehr diese völkische Tradition, die auch mit einer zunehmend biologistischen Sprache einhergeht. Da geht es vor allem um die Blutsverwandtschaft, die sehr stark betont wird. Die Blutsverwandtschaft unter den Magyaren. Der stellvertretende ungarische
Ministerpräsident bezeichnete beispielsweise die außerhalb der Landesgrenzen lebenden Magyaren als seine „Blutsbrüder“, der
Ministerpräsident nannte sie „Nationsbrüder“.

Die deutsch-ungarische Kulturwissenschaftlerin und freie Publizistin Magdalena Marsovszky forscht und publiziert über völkische Traditionen, Antisemitismus und Rechtsextremismus in Ungarn – zuletzt u.a. im Sammelband Die Dynamik der europäischen Rechten. Sie ist im Vorstand des Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und
Antisemitismus tätig.

Traum von Großungarn

Aus dieser völkischen Ideologie erwächst auch der Anspruch Ungarns, als ein Vertreter der „Auslandsungarn“ aufzutreten. Ist das die ideologische Grundlage für diese regionalen Konflikte, etwa zwischen Ungarn und der
Slowakei?

Magdalena Marsovszky: Ja, das ist die Grundlage für diese Konflikte. Sofort nachdem Fidesz und KDNP an die Macht kamen, wurde ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz verabschiedet, das sich nach dem ius sanguinis (Recht des Blutes), dem Abstammungsprinzip, richtet. Ungarischer Staatsbürger ist nun derjenige, dessen Vorfahren aus dem historischen
Ungarn stammen.

Das Gesetz ist bestimmt vor allem für die drei Millionen Menschen, die nach dem Friedensvertrag von Trianon seit 1920 in der Slowakei, Serbien, Rumänien oder der Ukraine leben. Diese Menschen können seit dem 1. Januar ohne weiteres ungarische Staatsbürger werden. Dieses Gesetz wurde von der derzeit herrschenden Koalition als Erstes verabschiedet. Die Minderheitenmagyaren in den Nachbarländern gelten – selbst noch nach 90 Jahren – als der ethnisch definierten magyarischen Kulturnation zugehörig, und jetzt können sie vollwertige ungarische Staatsbürger werden, ohne dass sie ihren Wohnsitz nach Ungarn verlegen müssen.

Von 2005 bis zum August 2010 bekleidete László Sólyom das Amt des ungarischen Präsidenten. Dieser Staatspräsident hat beispielsweise alle großen ungarischen Nationalfeiertage im Ausland verbracht, und nicht in Ungarn. Er verbrachte sie demonstrativ in eben diesen „großungarischen“ Gebieten. Das bedeutet, er hat demonstrativ ungarische Feiertage in den
ehemaligen Gebieten Großungarns gefeiert. Ungarn mischt sich mit diesen Akten ganz deutlich in die inneren Angelegenheiten der Nachbarländer ein. Budapest achtet nicht so sehr auf die Souveränität der betreffenden Staaten, als ob diese Gebiete immer noch zu Großungarn gehörten.

Das völkische Denken in Ungarn wurde durch den realen Sozialismus in den Hintergrund gedrängt

Wann begann eigentlich diese Rechtsentwicklung? Durchlief der öffentliche Diskurs in Ungarn eine abrupte Wandlung seit der
Machtübernahme durch Fidesz; oder fingen diese Prozesse sehr viel früher an – etwa beim Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus?

Magdalena Marsovszky: Diese Zunahme des völkischen Denkens fing ja wie gesagt schon im 19. Jahrhundert an, und sie mündete in Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aber in Ungarn überhaupt nichts
aufgearbeitet, es gab überhaupt keine Selbstreflexion auf gesellschaftlicher Ebene. Das völkische Denken in Ungarn wurde durch den realen Sozialismus in den Hintergrund gedrängt, aber schon in den letzten Jahren des real existierenden Sozialismus kam dieses völkische Denken erneut zum Vorschein.

Um 1988 gab es bereits die ersten völkischen Ausflüge z.B. nach Transsylvanien (Rumänien), sie waren aber vor allem noch romantisch geprägt. Dann kam die Wende, in der der völkische Gedanke bereits eine große Rolle spielte. Der Soziologe Detlev Claussen etwa bezeichnet die Umbrüche in den vormals realsozialistischen Staaten in Osteuropa nicht als eine demokratische, sondern eher als eine ethno-nationale Wende. Das bedeutet, dass die Menschen in diesen Ländern – und Ungarn gehört da auf
jeden Fall dazu – auf eine ethnisch grundierte nationale Wende gehofft haben; und mit der Demokratie nicht viel anzufangen wussten. Heute ist es ähnlich. Viele Menschen in Ungarn meinen, völkisches Denken und nationales Denken seien gleich bedeutend mit Demokratie, weil sie die echte Demokratie nie kennen gelernt haben.

Die Zunahme völkischen Denkens war also schon seit der Wende zu beobachten, und jetzt kulminierte diese Entwicklung in den Wahlsiegen dieser rechten Parteien. In den Kategorien Links-Rechts zu sprechen, ist in Bezug auf Ungarn etwas unglücklich, denn der wichtigste Bruch verläuft nicht entlang dieser Trennlinie. Der gesellschaftliche Bruch (der Clash, wie man es nennt) verläuft in Ungarn zwischen den völkischen und den nicht völkischen Kräften – und die völkischen sind in der absoluten Mehrheit. Diejenigen Menschen, die in liberalen und demokratischen Kategorien denken, sind in der Minderheit. Dies zeigten
ja auch die letzten Wahlergebnisse.

Ausgeprägter Antisemitismus

Gibt es nennenswerte Gegenkräfte zu dieser Rechtsentwicklung? Die neoliberal ausgerichteten Sozialdemokraten scheinen ja absolut diskreditiert zu sein. Könnte es nicht sogar sein, dass gerade die neoliberale Politik der Sozialdemokraten den Rechten zusätzlich Auftrieb verschaffte.

Magdalena Marsovszky: Das Wort neoliberal wird innerhalb der ungarischen Rechten sehr oft als eine Art Code benutzt, der im Endeffekt „verjudet“ bedeutet. Das heißt, die Rechten in Ungarn, also Jobbik und auch Fidesz, beschimpfen die Linken, die Liberalen und die Sozialdemokraten mit Codewörtern, die eigentlich für „verjudet“ stehen. Das Wort „Kommunist“, aber auch die Worte „liberal“ und vor allem „neoliberal“ stehen für „verjudet“.

Wenn man in Ungarn mit Wörtern wie neoliberal hantiert, muss man sehr aufpassen, da die Rechten diese Begriffe missbrauchen. Die Sozialdemokraten in Ungarn haben sicherlich viele Fehler begangen. Die ungarischen Sozialisten, die eine klar sozialdemokratische Ausrichtung aufweisen, pauschal als neoliberale Partei abzutun, ist in Ungarn also sehr gefährlich, da es dem rechten Code „verjudet“ entspricht.

Na ja, ein bestimmtes Spektrum politischer Entscheidungen kann als neoliberal bezeichnet werden. Zum Beispiel die drakonischen unsozialen Sparpakete, die Ungarns Sozialdemokraten immer wieder aufflegten, um das Haushaltsdefizit zu senken und somit die von Brüssel geforderten Stabilitätskriterien zur Einführung des Euro zu erreichen. Dieser harten
sozialen Einschnitte wurden dann von der rechten instrumentalisiert.

Ja, da haben Sie recht. Wobei wir bedenken müssen, dass die nun von der Fidesz vorgenommen Einschnitte sehr viel härter sind.

Magdalena Marsovszky: Klar, die Rechten haben nur soziale Demagogie betrieben.

Wir dürfen aber diese ganze Entwicklung nicht nur auf diese Sparmaßnahmen zurückführen, weil die schon sehr viel früher eingesetzt hat. Der Fidesz war zwischen 1998 und 2002 schon einmal an der Macht, und auch damals traten schon völkische Tendenzen eindeutig zutage. Selbst als die Sozialdemokraten an der Macht waren, war dieses völkische Moment in der Politik – wenn auch nicht so dominant wie derzeit – vertreten.

Wir haben es also mit einer Zunahme dieser Tendenz über einen sehr langen Zeitraum zu tun. Die Sparmaßnahmen haben vielleicht zu dem Sieg der Rechten beigetragen, aber es war ein kleiner Beitrag. Es handelt sich hierbei also um eine breite, kulturelle Entwicklung, die schon vor der Wende ihren Anfang genommen hat.

Es gibt auch Gegenkräfte zu dieser völkisch konnotierten Rechtsentwicklung, diese sind aber sehr uneinheitlich und kaum
organisiert – dies liegt meines Erachtens auch daran, dass die Menschen dort kaum eine gefestigte demokratische Sozialisierung erfuhren. Es gibt beispielsweise stalinistische Gegenkräfte. Die Ungarische Antifaschistische Liga ist etwa eindeutig überwiegend stalinistisch ausgerichtet, und kaum demokratisch. Da sind Altstalinisten, die den Antifaschismus für sich deklarieren. Eindeutig demokratische, antifaschistische Kräfte sind kaum zu finden.

Es gibt antifaschistisch ausgerichtete zivilgesellschaftliche Organisationen, die sind aber dermaßen politikverdrossen, dass sie
selbst dann keine Politiker in ihren Reihen dulden, wenn diese eindeutig demokratisch und antifaschistisch gesinnt sind. Es gab in Ungarn einige große Demonstrationen für die Pressefreiheit, an denen bis zu 50.000 Menschen teilnahmen, doch selbst dort wurden aktive oder ehemalige Politiker von der Teilnahme ausgeschlossen.

Vereint in der Ablehnung der Roma

In der Ortschaft Gyöngyöspata haben faschistische Paramilitärs tagelang die Minderheit der Roma schikaniert und sich zu einer lokalen Ordnungsmacht aufgeschwungen, ohne dass die Polizei eingriff. Die Roma mussten später aus der Ortschaft fliehen. Wie weit reicht die Unterstützung für rechtsextreme Kräfte in der ungarischen Bevölkerung? Treffen diese rechten Schlägertruppen auf breite Sympathien?

Magdalena Marsovszky: Gyöngyöspata stellt für diese Gruppen nur ein Aktionsfeld von vielen dar. Seit Jahren marschieren sie immer wieder in verschiedenen Orten auf – jede Woche sind sie in einer anderen Ortschaft. In den letzten Wochen haben sie aber ihre Aktivität verstärkt. Von diesen militanten Organisationen gibt es inzwischen so viele, dass selbst Experten da kaum noch durchblicken.

Es gibt ja nicht nur die ungarische Garde, die ja inzwischen verboten wurde. Ihre Mitglieder sind nun vermehrt in eine andere legale Organisation eingetreten, in die so genannte „Bürgerwehr“. Die so genannte Bürgerwehr ist eine Organisation, die der Polizei helfen soll. Diese Organisation ist nun durchsetzt von ehemaligen Mitgliedern derungarischen Garde. Aber nichtsdestotrotz marschiert auch die Garde – wenn auch nicht mehr in ihrer Uniform – in verschiedenen Ortschaften immer wieder auf.

In Gyöngyöspata wurden nun in den vergangenen Tagen von diesen rechten Gruppen mehrere Grundstücke aufgekauft, auch unter Androhung von Gewalt. Das heißt, die Mitglieder der Garden haben so viel Druck ausgeübt, dass die Besitzer dieser kleinen Häuser und Grundstücke ihnen diese teilweise für den symbolischen Preis von einem Forint übereignet haben. Auf diesen Grundstücken haben die Mitglieder dieser militanten Gruppen ihre Lager aufgebaut, wo sie nun paramilitärische Übungen abhalten wollen. Dies passiert, wie gesagt, nicht nur in Gyöngyöspata, sondern überall in Ungarn. Diese Gruppen marschieren dann auf, sie beschimpfen die Roma, sie schmeißen die Fenster ein und bedrohen diese. In den letzten zwei,
drei Jahren sind ja auch sechs Roma bei Übergriffen ermordet worden.

Die Stimmung in Gyöngyöspata ist nun so aufgeheizt, die Roma bekommen permanent Morddrohungen, dass ein amerikanischer Geschäftsmann etwa 300 Frauen und Kinder aus dem Ort evakuieren ließ. Teilweise sind sie in andere ungarische Ortschaften, teilweise nach Budapest mit Busen gefahren worden, die dieser Geschäftsmann mit Hilfe des Roten Kreuzes organisiert hat. Als dann am Nachmittag Mitglieder der Regierung in dem Ort auftauchten – übrigens das erste Mal, dass sie sich dort blicken ließen –, heiß es vonseiten des Regierungssprechers, dass die Roma nur einen Osterausflug gemacht hätten. Der Innenminister, der in Gyöngyöspata aufgetaucht ist, hat nicht etwa die Roma zu beruhigen oder zu trösten versucht, sondern sie sofort gefragt, warum sie nicht arbeiten, warum sie nicht die Felder um das Dorf herum bestellen würden.

In der Bemerkung des Innenministers scheint ja diese Vergötterung der Lohnarbeit durchzuscheinen, wie sie für faschistische Ideologie zentral ist – dieses berüchtigte „Arbeit macht frei“.

Magdalena Marsovszky: Dies geht auf das Stereotyp zurück, dass die Roma nicht arbeiten würden, sondern „als Schmarotzer“ nur von Sozialhilfe lebten. Und dieses Stereotyp scheint auch in der Kommunikation des Ministerpräsidenten durch, als dieser etwa kurz vor Weihnachten in einem Interview sagte: „Wir unterstützen alle, die für ihre Kinder leben, aber
wir unterstützen nicht diejenigen, die von ihren Kindern leben.“ Das ist eindeutig ein antiziganistisches Stereotyp, weil er hier die Roma als Menschen bezeichnet werden, die auf Kosten ihrer Kinder lebten, weil sie Kinder bekämen, um für diese Stütze zu kassieren.

Ich habe mal Statistiken und Umfrageergebnisse gesehen, denen zufolge 80 Prozent der Bevölkerung in Ungarn antiziganistisch eingestellt sei. Die romafeindliche Intention dieser Bürgerwehren findet also einen großen Widerhall in der Bevölkerung. Viele Menschen mögen das Marschieren, das militante Auftreten dieser Garden nicht, aber es gibt auch Leute, die sich hinter die Aufmärsche stellen, etwa wenn Jobbik marschiert.

Ich habe beispielsweise von Roma klagen gehört, dass Kindergärtnerinnen die Kindergärten geschlossen haben, um an den Aufmärschen von Jobbik teilnehmen zu können. Es gab auch Lehrerinnen, die mit Jobbik marschiert sind und die die Romakinder beschimpft haben: „Wenn du nicht stiehlst, wenn du dich wäschst, dann wird dir schon nichts passieren.“ Dies zeigt
die breite Unterstützung für diese romafeindliche Politik in der Bevölkerung. Die Regierugsparteien beteiligen sich an diesem
antiziganistischen Kesseltreiben insofern, als das ihre Mitglieder diese Stereotype, die Jobbik klar ausspricht, viel codierter zwar, aber dennoch verbreiten.

Die Stimmung ist viel militanter geworden

Können Sie die Ideologie der ungarischen Rechtsextremen Partei Jobbik umreißen? Wo sind Anknüpfungspunkte und Kontinuitätslinien zu den Anschauungen der rechtskonservativen Fidesz zu finden, wo sind die Unterschiede zu verorten?

Magdalena Marsovszky: Der wichtigste Unterschied besteht in der Militanz. Jobbik hat diese ganzen militanten Gruppen, die im Umfeld der Partei tätig sind. Wobei zu berücksichtigen ist, dass Jobbik sich von manchen dieser Gruppen abgrenzt. Es ist auch nicht leicht zu überblicken, welche der unzähligen militanten Gruppen nun Jobbik nahe stehen, und welche nicht.

Dem äußeren Erscheinungsbild zufolge unterscheidet sich also Jobbik von Fidesz in dem Rückgriff auf offene Militanz. Auf der anderen Seite unterstützt aber auch Fidesz militante Strukturen, nur scheint das alles jetzt staatlich legitimiert, und es heißt dann immer, dies gehöre zur Demokratie. Die Stimmung ist viel militanter geworden in Ungarn im Verhältnis zu der früheren Regierung.

Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gruppen lassen sich vielleicht am besten so formulieren, dass die Jobbik die Fortsetzung von Fidesz mit anderen Mitteln ist. Ihre Ideologie gleicht sich zum Beispiel darin, dass beide Parteien mit den Sozialisten und den Liberalen die gleichen verhassten Feindbilder teilen. Und diese Feindbilder sind bei beiden Parteien mit den gleichen antisemitischen Codes besetzt.

Jobbik spricht nur teilweise offen aus, dass dies „Zionisten“, oder „verjudete“ Kräfte seien, während Fidesz viel vorsichtiger, codierter, formuliert. Im Fidesz spricht man von „Libschi“ (für Liberale) oder „Kommis“ (für „Kommunisten“), und diese antisemitischen Codes versteht jeder in Ungarn. Es gibt aber auch Fidesz-Mitglieder, die ganz offen mit rechtextremen Gruppen zusammenarbeiten. So eine ist beispielsweise die 56er-Revolutionärin Mária Wittner, die eine absolut rechtsextreme
Politik betreibt.

Die Hetze gegen die Minderheit der Roma bildete eines zentrales Moment der erfolgreichen Strategie der faschistischen Partei Jobbik. Wie entwickelt sich die soziale und ökonomische die Lage der Roma in Ungarn? Wie stellen sich die Beziehungen zwischen den Ungarn und den Roma dar?

Magdalena Marsovszky: Die Beziehungen zwischen den Ungarn und den Roma haben sich verschlechtert. Diese Entwicklung hat schon im real existierenden Sozialismus angefangen, wo die Roma eher als Arbeiter gebraucht wurden, ohne dass ihre Weiterbildung gefördert worden wäre. Die meisten Roma haben den großen Industriebetrieben gearbeitet, und als diese sozialistische Industrie nach der Wende zusammengebrochen ist, sind auch sehr viele der dort beschäftigten Roma arbeitslos geworden. Die meisten Roma leben deswegen jetzt in den Gebieten im südöstlichen und nordöstlichen Ungarn, wo früher diese sozialistischen Großbetriebe standen. Diese Regionen zählen nun zu den ärmsten des Landes.

Die wirtschaftliche Lage der Roma verschlechtert sich immer weiter, weil sie von der Gesellschaft immer stärker ausgegrenzt werden. Teilweise werden die Roma schon in Schulen, oder sogar schon im Kindergarten ausgegrenzt, indem sie gleich in Sonderklassen gesteckt werden.

Es soll ja inzwischen inoffizielle sogenannte Roma-Schulen geben.

Magdalena Marsovszky: Genau. Es gibt inzwischen Schulen, die von den sogenannten „Weißen“ nicht mehr besucht werden. Die Ungarn gründen dann Stiftungsschulen, und deren Aufnahmekriterien werden dann so aufgestellt, dass sie nur von „Weißen“ erfüllt werden können – und nicht von Romakindern. Dann bleiben in den öffentlichen Schulen nur die Romakinder übrig, die zu der ärmsten Bevölkerungsschicht gehören. Deren Eltern sind aufgrund der langen Arbeitslosigkeit manchmal alkoholabhängig, oder sie können sich aus anderen Gründen nicht um ihre Kinder kümmern. Man kann das aber nicht verallgemeinern, wie das in der rechten Propaganda geschieht. Auch in normalen Schulen werden die Roma oft systematisch ausgegrenzt, indem sie in so genannten C-Klassen konzentriert werden. Von Anfang an wird den Roma der weitere Lebensweg systematisch verbaut.

Ließe sich nicht sagen, dass der ungarische Antiziganismus sich seine eigenen Feindbilder und Stereotype erschafft? Die ausgegrenzten, marginalisierten und letztendlich verelendeten Roma entsprechen dann anscheinend den landläufigen romafeindlichen Klischees.

Magdalena Marsovszky: Die Mehrheitsgesellschaft grenzt diese Leute so stark aus, dass sie sich inzwischen in einer unhaltbaren sozialen und ökonomischen Lage befinden. Zum Teil leben die Roma in höhlenartigen Behausungen, ohne Wasser und ohne Strom. Viele sind dermaßen verarmt, da sie ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr decken, etwa ihre Rechnungen nicht mehr begleichen können. Es ist also sehr zynisch von der Regierung, wenn sie unter Bezugnahme auf die Roma sagt, dass nur Leute es zu etwas bringen würden, die auch arbeiteten – wenn gleichzeitig Generationen von Roma aufwachsen, die nicht mehr arbeiten können, weil die Mehrheitsgesellschaft ihnen jegliche Chancen verwehrt.

Mir scheint es, als ob die Krise der Arbeitsgesellschaft, die viele postsozialistische Gesellschaften Osteuropas nach der Wende erfasst hat, in Ungarn auf die Roma abgewälzt wurde. Die Arbeitslosenquote muss ja bei den Roma sehr hoch sein.

Magdalena Marsovszky: Ja, auf jeden Fall, weil sie schlicht nicht angestellt werden. Wenn sich zum Beispiel Roma schriftlich oder per Telefon bewerben und zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, dann endet dieses Gespräch zumeist sehr schnell, da sie an ihrer dunklen Hautfarbe leicht zu erkennen sind. Da heißt es dann auf einmal, der Arbeitsplatz sei schon vergeben. Die Roma in Ungarn sind mit einer regelrechten Apartheidgesellschaft konfrontiert.

Mit der Wirtschaftskrise hat der Aufstieg der Rechten wenig zu tun

Die Weltwirtschaftskrise ließ Ungarn am Rand des Staatsbankrotts taumeln. Erst ein milliardenschweres Kreditpaket der EU und des IWF, das mit ausgreifenden Haushaltskürzungen erkauft wurde, konnte die Staatspleite verhindern. Dies führte in Ungarn zu einer schweren Rezession, die mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit einherging. Inwiefern stehen diese Krisendynamik und der Aufstieg der ungarischen Rechten in einem Zusammenhang? Handelt es sich bei den Phänomenen Fidez und Jobbik auch um – irrationale – Reaktionen auf die Krise, oder bestehen da kaum Zusammenhänge?

Magdalena Marsovszky: Mit der Krise hat diese Dynamik der ungarischen Rechten nicht sehr viel zu tun. Die Wirtschaftskrise mag diesen Kräften einen zusätzlichen Schub verliehen haben, aber die ganze Entwicklung hat schon viel früher eingesetzt. Ich habe Aufsätze über Antisemitismus und die völkische Bewegung in Ungarn bereits in 2006 geschrieben, da war von der Weltwirtschaftskrise überhaupt noch nichts zu spüren.

Diese ganze Entwicklung mit der Wirtschaftskrise in Zusammenhang bringen zu wollen, blendet die langfristige völkische Tradition in Ungarn aus. Diese völkischen Traditionslinien sind es, die Ungarn zu einer geschlossenen Gesellschaft gemacht haben, und nicht die Wirtschaftskrise. Die Krise und die Auflagen des IWF wurden teilweise so aufgefasst, als ob „diese Juden wieder nach Ungarn kommen und uns dirigieren wollen“. Die Mitglieder des IWF wurden etwa mit antisemitischen Codes versehen, wie auch die Europäische Union, die auch mit antisemitischen Stereotypen belegt wird.

Ja, das meinte ich auch. Selbstverständlich wäre es falsch, den Aufstieg der ungarischen Rechten nur auf die Krise zurückzuführen. Die Krise hat eher die Funktion eines Beschleunigers dieser Rechtsentwicklung eingenommen.

Was mir bei diesem allgegenwärtigen Antiziganismus in Ungarn noch durch den Kopf geht, das ist die Frage, ob es sich hierbei nicht auch um eine Angstreaktion der „Weißen“ handelt. Die verelendeten Roma halten den Ungarn vor Augen, wie schnell Marginalisierung und Verelendung im krisengeschüttelten Kapitalismus um sich greifen können. Die Roma spiegeln in ihrem Elend die Ängste der Ungarn vor dem sozialen Abstieg. Eigentlich gibt es zwei Hauptmomente der Verdinglichung und Personifizierung kapitalistischer Systemprozesse, die bei diesem schiefen völkischen Pseudo-Antikapitalismus zum Tragen kommen: Zum einen sind es die Juden, die als die Personifizierung und Verdinglichung des Finanzkapitals herhalten, wie du ja ausgeführt hasst. Dann scheinen aber auch die Roma als die Personifizierung der Verelendungstendenzen und der um sich greifenden Marginalisierung zu fungieren. Eine Krisentendenz des Kapitalismus wird dann zu einem – rassisch oder kulturalistisch definierten – Wesensmerkmal dieser Minderheit erklärt.

Magdalena Marsovszky: Ja, Ängste spielen bei dem Antiziganismus auf jeden Fall eine sehr wichtige Rolle. In der ungarischen Rechten ist auch tatsächlich ein sehr starker Antikapitalmus zu beobachten, aber nicht im Sinne eines etwaigen Klassenkampfes, sondern im Sinne dieser völkischen Kapitalismuskritik. Da heißt es dann, dass alle Kapitalisten Juden
seien. Nur in dieser völkischen Perspektive wird der Kapitalismus kritisiert. Dann wird da zugleich die nationale Arbeit hochgehalten, und die Roma werden dann in die Rolle des Schmarotzers gedrängt.

Quelle: Forschungsforum





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