In der „Tradition des Horthy-Regimes“

Karl Pfeifer, ein profunder Ungarn-Kenner, befürchtet weitere Erfolge der rechtsextremen Partei Jobbik. Das öffentliche Klima in Ungarn gegenüber Juden und Roma werde immer feindseliger.

Der in Wien lebende Journalist und Holocaust-Überlebende Karl Pfeifer ist auf internationaler Ebene ein kompromissloser Kämpfer und Streiter gegen rechten und linken Antisemitismus. Geboren wurde Pfeifer 1928 in Baden bei Wien.1938 floh die jüdische Familie nach Ungarn, dem Geburtsland der Eltern. Weitere Stationen im Leben des Kosmopoliten waren unter anderem Israel, Neuseeland und die USA.

Pfeifer ist einer der besten Kenner der rechtsextremen Szene in Ungarn. bnr.de sprach mit Pfeifer über aktuelle Aspekte des Rechtsextremismus in Ungarn. Das Gespräch fand im Anschluss einer Veranstaltung mit dem Publizisten an der Universität Freiburg statt.

Nationalstolz zum Grundwert erhoben

Pfeifer kritisiert insbesondere die jüngst vom Budapester Parlament beschlossene neue Verfassung. So passe das „Nationale Glaubensbekenntnis“, das der Verfassung vorangestellt ist, nicht zu einem pluralistischen Staat. Betont wird darin der Stolz auf die ungarische Nation und die Rolle des Christentums für den „Erhalt der Nation“. Dies diskriminiere, so Pfeifer, andere Glaubensrichtungen. Durch die Festschreibung der „Heiligen Stephanskrone“ in der Präambel werde der Nationalstolz zum „Grundwert“ erhoben. Die „Heilige Stephanskrone“ wurde von Ungarns ehemaligem Staatschef Miklos Horthy, einem zeitweiligen Nazi-Kollaborateur, missbraucht, und tauge deshalb nicht für die Gegenwart, sagt Pfeifer.

Der katholischen Kirche und den Medien weist der streitbare Journalist eine maßgebliche Schuld an dem in der ungarischen Gesellschaft weit verbreiteten Antisemitismus zu. So lasse die Kirche Denkmäler für den 1927 verstorbenen Bischof Ottokar Prohaszka bauen. Der Antisemit Prohaszka hatte1920 beim Leipziger Hammer-Verlag des berüchtigten Juden-Hassers Theodor Fritsch ein Machwerk mit dem Titel „Die Judenfrage in Ungarn“ veröffentlicht. Fritsch ist Autor des „Antisemiten-Katechismus“.

Antisemitische und antiziganistische Hetze

Der erzreaktionäre Multimillionär und Medienunternehmer Gabor Szeles würde laut Pfeifer in seinem antiglobalistischen Echo TV und seiner Tageszeitung „Magyar Hirlap“ sowohl antisemitische als auch antiziganistische Hetze verbreiten.

Ein „guter Freund“ des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban von der Fidesz-Partei sei der Publizist Zsolt Bayer, der für die regierungsnahe Tageszeitung „Magyar Hirlap“ zur Feder greift, weiß Pfeifer. In einem Artikel hatte Bayer behauptet, das Verhalten von Juden, die der ungarischen Mehrheitsgesellschaft „ins Becken rotzen“ würden, rechtfertige Antisemitismus. Bayer, der von der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ als „Fäkal-Antisemit“ charakterisiert wird, gehört zu den Gründungsmitgliedern der Fidesz.

Pfeifer zufolge stehe die Regierungspartei Fidesz in der „Tradition des Horthy-Regimes“ und verfolge die „Idee der Volksgemeinschaft“. Fidesz-Mitglied ist auch Staatssekretär Andras Levente. Dieser habe im April die Ausstellungsmacher der Budapester Holocaust-Gedenkstätte attackiert, berichtet Pfeifer. An der Beraubung und Deportation der ungarischen Juden waren rund 200.000 Ungarn beteiligt.

Den ungarischen Boden retten

An der Spitze der von Studenten und Akademikern geführten rechtsextremen Partei Jobbik ortet Pfeifer regelrechte Juden-Hasser. So laute der Wahlspruch der EU-Parlamentsabgeordneten der Jobbik Krisztina Morvai: „Ungarn darf nicht Palästina werden.“ Pfeifer informiert, dass Morvai in einem Interview erklärt hatte, dass nach dem angeblichen Ausverkauf der ungarischen Wirtschaft und Industrie durch die Elite an das Ausland, jetzt das Letzte, das Ungarn noch geblieben sei, der ungarische Boden nämlich, gerettet werden müsse.

Erschüttert zeigte sich Pfeifer im Gespräch mit bnr.de über die rassistischen Übergriffe von „Bürgerwehren“ und Neonazis auf ungarische Roma. Maßgeblich seien daran Kreise um Jobbik und Neonazi-Vereinigungen wie „Vederö“ beteiligt. „Vederö“-Führer ist Tamas Eszes, ein laut Pfeifer vorbestrafter Gewalttäter. Der gelernte Konditor Eszes arbeitete zuletzt als Rausschmeißer.

Regierung zeigt „äußerste Passivität“

Der Holocaust-Überlebende wirft der ungarischen Regierung vor, nicht energisch gegen rechtsextreme und paramilitärische Umtriebe vorzugehen. Bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Antiziganismus zeige die Orban-Regierung eine „äußerste Passivität“. Und wenn gegen die fremdenfeindlichen Gewalttäter „endlich mal ermittelt“ werde, dann lediglich wegen Rowdytum, beklagt Pfeifer.

Der Blick des erfahrenen Journalisten in die Zukunft Ungarns ist düster. Demnach seien 12 Prozent der ungarischen Arbeitnehmer/innen arbeitslos. Auch werde das öffentliche Klima gegenüber Juden und Roma immer feindseliger. Dies könnte zu weiteren parlamentarischen Erfolgen für Jobbik führen, befürchtet Pfeifer. Und unverständlich ist für ihn die Tatsache, dass die CDU (Deutschland) und die ÖVP (Österreich) Fidesz decken, weil sie wie diese Mitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament sind.

Quelle: Blick nach rechts
Stand: 02.06.2011





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